Phänomen Heilung
Dimensionen der Erfahrung
Wir lernen aus vielen Leben
Brauchen wir Beweise?
Ein Mensch, der um seine Seele weiß und sie spürt, kann sich bewusst werden, dass mehr Erfahrungen und Erlebnisse darin gespeichert sind als die, die er in seinem gegenwärtigen Leben gemacht hat. Das, was wir „Ich“ nennen, hat Anteil an mehr Ebenen und Dimensionen, als wir „normalerweise“ wissen und uns bewusst ist. Und auch unsere Seele, die Speicher unserer Erfahrungen und die Verbindung zu Geist und Materie ist, hat oft mehr gesehen, erfahren und erlebt als dieses „Ich“, das wir kennen.
Gibt es nur ein Leben? Oder sind wir doch in vielen Leben und Zeiten schon gewesen? An dieser Stelle möchten wir eine Gegenfrage stellen: Alle Religionen behaupten, dass es einen Gott oder viele Götter gibt. Alle beten zu ihrem Gott. Woher wollen wir aber wissen, dass es ihn wirklich gibt? Ob er die Zehn Gebote gegeben hat oder Himmel und Hölle so aussehen, wie wir es gesagt bekommen haben? Und woher wollen wir wissen, dass es so ist und nicht anders? Wie wollen wir uns das beweisen lassen, wenn wir es nicht glauben wollten? Die Antwort ist, dass es diesen „Beweis“ nicht gibt – es gibt den Glauben und es gibt die tiefe Überzeugung, dass er wahr ist. Entweder wir können diesen Glauben für uns annehmen, weil wir dies wollen und damit eine innere Gewissheit herstellen, die keines einzigen weiteren Beweises bedarf – oder eben nicht.
Mit unserer Behauptung, dass es nicht nur ein Leben geben könnte, ist es ähnlich: Ist es denn möglich, zu beweisen, dass man nur einmal lebt? Auch diese Frage fällt in das Gebiet, von dem wir dann „wissen“, wenn wir in uns selbst durch eine Erfahrung die Ge-Wiss-heit gefunden haben. Niemand wird es uns von außen beweisen können – wir finden die Antwort, wie auch die Antwort auf die Frage nach Gott, nicht irgendwo da draußen, sondern nur in uns selbst.
Niemand kann normalerweise beweisen, dass er in einer der letzten Inkarnationen in Spanien gelebt hat. Und wir verschließen lieber auch unsere Augen davor, dass beispielsweise einige kleine Kinder die Fähigkeit haben, ein Instrument perfekt zu spielen, ohne dies in ihrem jetzigen Leben gelernt zu haben; dass es also altes Wissen und Fähigkeiten in ihnen gibt. Durch diese Fälle, die wir dann als „Wunderkinder“ darstellen, zeigt sich der Zugang zu altem Erlernten, das in jedem von uns gespeichert ist. So kann es natürlich sein, dass jemand zum Beispiel in diesem Leben sein Violinspiel perfektionieren will und sich dann so eingebärt, dass er so früh wie möglich und auf alle Fälle in diesem Leben eine Violine in seine Hand bekommt – am besten als kleines Kind. Dabei ist keine Bestimmung im Spiel, eher eine bewusste Berechnung der Seele für sich selbst, in eine Familie zu kommen, in der sie sich ihren Wunsch erfüllen kann. Die Idee „Wunderkind“ muss nicht sein, sondern das Kind hat Lust, eine bestimmte Erfahrung zu machen: die Lust, hier auf der Erde zu sein und Violine zu spielen. Denn was ist ein Wunder? Was ist ein Wunderkind überhaupt? Das, was wir uns normalerweise nicht erklären können. Wunder gibt es nicht, oder alle können Wunder – weil das Wunder letztendlich in allen Menschen existiert, als eine jedem innewohnende Göttlichkeit.
Es ist eine sehr enge Wahrnehmung, wenn wir nur das annehmen wollen, was uns gelehrt wird und was man uns beweisen kann. Je kleiner unser „Hut“ ist, umso mehr muss bewiesen werden auf Schritt und Tritt, dass etwas so ist, wie es ist. Die Möglichkeit, dass es in mir gespeicherte Dinge sind, die früher schon mal erlebt wurden und von innen heraus sich öffnen, wird automatisch als nicht-existent angesehen. So kann Vergangenes aus anderen Leben dann vorerst nicht mehr sichtbar werden, weil wir früh genug lernen, es selbst zu verdrängen.
Manchmal ist es ein Déjà-vu-Erlebnis, das uns von einer Minute auf die andere davon überzeugt, schon einmal gelebt zu haben. Wir (er-)kennen etwas, einen Menschen, eine Situation, eine Fähigkeit, die wir mit größter Gewissheit in diesem Leben noch nie gesehen, erlebt oder erworben haben können. Woher können wir sie dann trotzdem kennen?
Es gibt einen anderen Weg, sich der vielen Leben der Seele bewusst zu werden: zum Beispiel durch die innere Konzentration, die uns an unser gesamtes Potenzial heranführt, das wir in vielen Zeiten – nach und nach – erschaffen und in uns gesammelt haben. Wir können wiederholte Lebensmuster erkennen und so die Gewissheit finden, dass unsere Seele sich weiter öffnen kann als unser bewusstes „Ich“.
Im Buddhismus wird das Leben als Rad dargestellt, als eine ständige Wiederholung und Wiederkehr, damit wir Menschen Erfahrungen machen können. Würde dies bedeuten, dass wir dann auch immer wieder von neuem die gleichen Erfahrungen machen würden? Oder immer wieder neue Erfahrungen? – Aber warum sollte das so sein? Wenn wir nicht glauben wollen, dass wir aufgrund eines Zufalls so geworden sind, wie wir sind, dann könnte es eine konstruktive, schöpferische Kraft sein, der wir diese Erfahrungen verdanken, und dennoch bestimmen wir diese Erfahrungen selbst.
Wir alle haben die Chance, im Laufe der Zeit zu erkennen, warum wir bestimmte Erfahrungen machen oder gemacht haben. Wir können in uns Grundkonstellationen entdecken, für die diese Erfahrungen notwendig sind. Wir können die Kettenreaktion, die aus diesen (gespeicherten) Erfahrungen folgt, sogar stoppen. Ohne Schuldzuweisungen können wir erkennen, was uns behindert – und uns für andere Erfahrungen bewusst entscheiden. Das ist ein großes Geschenk, das uns von einem „Zufallsprodukt“ oder „Spielball des Schicksals“ zum Mitschöpfer unserer eigenen Erfahrungen werden lässt. Und damit ist klar, dass wir selbst die Zügel in der Hand haben. Wir können uns entscheiden, wie wir mit den Erfahrungen umgehen wollen. Es gibt keine übergeordnete Wertung, ob eine Erfahrung „gut“ oder „böse“ ist – wir sind es, die entscheiden, ob wir damit zufrieden sind oder nicht.
Dies ist kein selbstverständlicher Gedanke, wenn wir uns daran gewöhnt haben, dass es normalerweise andere sind, die die Zügel in der Hand haben – die Eltern, die uns prägten, Gottes uneinsehbare Wege, die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, oder die Zeit – und diese Liste der „Bestimmer“ ließe sich noch lange fortsetzen.
Diese Vorstellungen unserer scheinbaren Rahmenbedingungen haben wir gleichsam von den Eltern übernommen, zusammen mit vielen anderen Überzeugungen und Wertvorstellungen geradezu aufgesogen mit der Muttermilch und erst im häuslichen, später auch in unserem persönlichen Umfeld noch weiter gefestigt. Diese scheinbare Realität wird von den Generationen durchgereicht, durch die genetische Verwandtschaft unseres Körpers mit den Körpern unserer Eltern, aber auch durch die Umgebung, in der wir leben, als Überlieferung.
Kein Wunder also, dass wir uns normalerweise sehr schwertun, aus diesem „Rahmen“ – den Wahrheiten über uns, die Welt, Gott, das Leben, an die wir glauben – auszubrechen, auch wenn uns immer wieder Angebote gemacht werden: Angebote, unseren eigenen Weg zu gehen, unseren eigenen Wert wahrzunehmen, unsere eigenen Muster zu erkennen, auszuprobieren und dann den für uns als richtig empfundenen Weg zu gehen.
Warum übernehmen wir seit Jahrhunderten immer wieder diese scheinbare Realität? Warum bekommen wir seit Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden so gar keinen Überblick, was Leben eigentlich ist? Wieso haben wir seit Jahrhunderten den Eindruck, dass wir aus den Süchten und Vorstellungen nicht herauskommen? Oder dass wir als Menschen Krankheiten haben, die wir auch von Körper zu Körper weitergeben müssen? Wieso durchbrechen wir diesen Zyklus nicht, wenn zum Beispiel der Heuschnupfen oder die Migräne von einem Elternteil an das Kind weitergegeben wird? Geht das überhaupt?
Seit Jahrhunderten übernehmen wir Dinge, ohne Einhalt zu gebieten und zu erkennen, dass in uns eine Instanz ist, die sagen kann „Ich will so etwas jetzt nicht mehr!“
Das Leben als Spiel in der Polarität
Das Leben ist für uns Menschen als Spiel angelegt, um über die Zeit möglichst vielfältige Erfahrungen zu machen. Wir spielen in einer Realität, die wir uns setzen – einer fühlbaren, wahrnehmbaren, materiellen Realität. Aber mit der Beschränkung des Spiels auf diese Dimension, die wir hier mit unseren „normalen“ Sinnen wahrnehmen können, schränken wir uns gleichzeitig auch selbst ein.
In unserer Seele sind Erfahrungen, auch wenn diese sehr weit zurückliegen, in Form von Frequenzen gespeichert. Es gibt sogar die Möglichkeit, dass von anderen gemachte Erfahrungen uns beeinflussen. Das ist beispielsweise erfahrbar, wenn ein Medium oder ein Erfinder plötzlich Dinge weiß, die er belegbar nicht aus seinem jetzigen Leben wissen kann. Das Bewusstsein ermöglicht es, sich selbst als Medium zur Verfügung zu stellen, um vergangene Erfahrungen ins Jetzt zu bringen. Die Frequenzen werden als assoziativ gemachte Erfahrungen dann wieder in Bildern ausgedrückt und in Form von Erinnerungen umgesetzt, die uns dann zur Verfügung stehen. Manchmal können sich diese Frequenzen auch als schnelle Abfolge von Bildern, wie in einem Film, zeigen.
Aber warum sind wir dann hier auf der Erde, um Erfahrungen zu machen? Wofür lohnt es sich denn, all diese – manchmal so leidvollen – Erfahrungen zu machen in unserem Leben? Erfahrungen, von denen wir sagen würden, „Mensch, das möchte ich nicht erleben ...“
Eine Erklärung dafür könnte sein, dass unser Geist und unsere Seele sich im gesamten Spannungsfeld und in aller Breite der möglichen Erfahrungen, Gefühle und Situationen – in der Polarität, wie wir es nennen – erfahren wollen. Wir können uns das so vorstellen, dass diese sich uns bietenden Situationen aufgespannt werden in einem Möglichkeitsraum zwischen zwei Polen oder Extremen, wie die beiden Enden eines Gummibandes. Zwischen den beiden Enden liegt eine Vielzahl von möglichen Positionen, Einstellungen und Erfahrungen, die wir machen können.
Diese Polarität erstreckt sich in die verschiedensten Dimensionen, zum Beispiel „gut-böse“, „arm-reich“, „oben-unten“, „schwer-leicht“, „fröhlich-traurig“ ... bis hin zu „männlich-weiblich“. All diese gegenüberliegenden Positionen spannen den Raum der Möglichkeiten auf – einen gigantischen, fast unendlichen Raum für mögliche Erfahrungen und Eindrücke, die wir sammeln können.
Auf dieses Spielfeld haben wir uns begeben, um gerade in den verschiedenen Dimensionen dieser Gegenüberstellung unsere eigenen Erfahrungen zu sammeln, die wir bislang noch nicht hatten. Warum sonst sollten wir uns entscheiden, immer wieder zurückzukommen auf diese Erde (wenn man an Re-inkarnation glaubt)?
Gleichzeitig ist es doch tröstlich zu wissen: Wenn wir uns jetzt gerade nicht so gut fühlen und der festen Überzeugung sind, auf der leidvollen Seite des Pendels angekommen zu sein, wenn wir gerade Trauer, Schmerz, Verlust und Unglück erfahren – dann müssen wir auch schon einmal die andere Seite erfahren haben, sodass dies jetzt ein Besuch am Gegenpol, in der anderen Ecke des Raums darstellt.
© 2008 von Yashi Kunz und Gordon Müller-Eschenbach
Alle Rechte vorbehalten. Keine Kopie, Speicherung und Verbreitung ohne schriftliche Zustimmung der Autoren
Das Buch ist erhältlich in unserem Shop oder im Buchhandel (ISBN: 978-3-939895-03-9)